Rose Ausländer: Mutterland

33 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, im Jahre 1978 verfasst die Holocaustüberlebende Rose Ausländer das Gedicht „Mutterland“. Der lyrische Text zählt zur deutschen Exiliteratur und thematisiert den Heimatverlust. Das Lyrische Ich beschreibt darin den Verlust des Vaterlandes und seine neue Lebenssituation im Mutterland.

Aus der Ich- Perspektive spricht das Lyrische Ich zum Leser des Gedichts. Das Vaterland des Lyrischen Ichs wurde von einer nicht genau bezeichneten Personengruppe bewusst vernichtet. Das Lyrische Ich hegt die Erinnerung von Feuer und vollkommenem Zusammenbruchs seiner Heimat. Ohne Zuhause hat es eine neue Heimat gesucht und gefunden, die es nicht mehr Vaterland sondern Mutterland nennt. Vom Vaterland bleibt ihm nur noch die Sprache.

Das Gedicht weist sowohl sprachliche als formale Besonderheiten auf.

Es gliedert sich in zwei Strophen zu je drei Versen. Ein Reimschema ist ebenso wenig erkennbar wie ein durchgängiges rhythmisierendes Metrum. Die Kadenzen folgen dem Schema m,w,w,w,w,m.
Obwohl Rose Ausländer keine Satzzeichen verwendet, ist eine Satzstruktur beim Lesen hörbar. Lesepausen entsprechen Satzgrenzen. Satzgrenzen befinden sich zwischen Vers 1 und 2, Vers 3 und 4, sowie von Vers 5 zu Vers 6. Wobei das Wort „Wort“ als Ellipse den Schluss des Gedichtes bildet. Fehlende Satzzeichen und ausbleibendes Reimschema weisen genauso wie die unregelmäßigen Kadenzen und das fehlende Metrum auf die Grundstimmung des Gedichtes hin. Genauso wie die chaotischen Zustände jener Zeit und vermutlich auch die nicht zu ordnenden psychischen Auswirkungen des überwundenen Holocausts spiegeln sich darin wieder.

Obwohl das „sie“ zu Beginn des zweites Verses hörbar den Anfang des zweiten Satzes bildet, ist es entgegen der Regel klein geschrieben. „Mein Vaterland“, „Ich“, „Mutterland“ und „Wort“ sind groß geschrieben und stehen in Verbindung mit dem lyrischen Ich. Im Gegensatz zu der klein geschriebenen dritten Person Plural „sie“, welche die Feinde symbolisiert. Die deutschen Nationalsozialisten repräsentieren inneren Feinde. Diese verfolgten und ermordeten Juden wie Rose Ausländer. Demgegenüber standen die Alliierten als äußere Feinde, welche versuchten die Deutschen und ihre Gräueltaten zu stoppen. Durch den Krieg wurde das Vaterland zerstört. Die Welt des lyrischen Ichs, wie sie vor dem Krieg Bestand hatte, wurde dabei ausgelöscht. Die Antithese „mein Vaterland ist tot“ und „ich lebe“ klingt fast trotzig und verdeutlicht den Überlebenswillen des lyrischen ich. In dem es den Überlebenswillen nicht verliert und ein neues zu Hause im Mutterland gefunden hat, besiegt es die Feinde des Vaterlandes und auch die eigenen.

Innerhalb der ersten Strophe wechselt der Blick des Lyrischen Ichs von der Gegenwart, die in Form des im ersten Vers verwendeten Präsens erscheint, zurück auf die Ereignisse der Vergangenheit, die im Perfekt beschrieben werden. Der Ist-Zustand des Vaterlandes wird damit untermauert. Der Rückblick wird dynamischer dargestellt. Die Konsequenz des Handelns der mit „sie“ beschriebenen Personengruppe wird mit Hilfe eines steigernden Elementes in Form der Klimax von „tot“, „begraben“ und „im Feuer“ verdeutlicht.

Neben den formalen, bedient sich Rose Ausländer bei der Verdichtung der Worte und deren Bedeutung besonderer sprachlicher Mittel.

Um den Zusammenbruch der Heimat des lyrischen Ichs zu versinnbildlichen, setzt die Autorin verschiedene Personifikationen ein.
Das „Vaterland“ des lyrischen Ichs ist „tot“, „begraben“ wie ein Mensch es nur sein kann. Durch die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf ein Gebilde wie das „Vaterland“, ist dessen Untergang für den Leser ausdrucksvoller. Der Eindruck des Heimatverlusts wird durch die von Ausländer beschriebene Gewalt verstärkt. Metaphern wie „im Feuer“ begraben unterstreichen die Rohheit des Ablaufs. Besonderer Fokus liegt auf dem letzten Vers, der aus nur einem Wort besteht. Das Wort „Wort“ ist vielseitig interpretierbar. Es stellt sowohl eine Metapher im weiteren Sinne als auch die Stilfigur des Pars pro toto im engeren Sinne dar. Als Metapher repräsentiert es die Erinnerung des lyrischen Ichs an das verlorene Vaterland. Als Pars pro toto steht das Wort „Wort“ als Teil der Sprache, im allgemeinen für die Sprache und insbesondere die Sprachen des lyrischen Ichs. Das Lyrische Ich verbindet damit die einzigen Erinnerungen an frühere Zeiten- die Erinnerung an die Muttersprache sowie an das Vaterland. Unerwarteterweise erzählt das lyrische ich in der Sprache des Vaterlandes über das neue Mutterland. Die Muttersprache erhält damit besondere Bedeutung.

Neben Personifikationen und Metaphern bedient sich Ausländer der Wortneuschöpfung „Mutterland“. Dieser Neologismus drückt die Beziehung zwischen dem geflüchteten Lyrischen Ich und dem Gastland aus, in dem es nun lebt. Die enge Verbundenheit zwischen der neuen Heimat und dem Lyrischen Ich wird besonders durch den Begriff der „Mutter“ dargestellt. Wie eine Mutter ihrem Kind Sicherheit und Obhut gibt, so kümmert sich das Mutterland um das Lyrische Ich.

Durch die beiden Begriffe Mutter und Vater in den Wörtern Vater und Mutterland werden beide Länder zu den prägenden Orten für das lyrische ich. Es sieht Vater- und Mutterland stellvertretend wie Eltern. Sein Leben wurde durch beide geprägt und hängt untrennbar mit ihnen zusammen.

Die Autorin Rose Ausländer wurde als Jüdin von den Nazis verhaftet und zu Zwangsarbeit verpflichtet. Als eine der wenigen Überlebenden der Judenverfolgung im Dritten Reich wird sie gegen Kriegsende von der Roten Armee befreit und übersiedelt in die USA.

Bis heute beschäftigt uns das Flüchtlingsthema. Nach Deutschland flüchten viele Menschen aus dem nahen Osten. In ihrem Vaterland herrscht Krieg und Deutschland ist für die Flüchtlinge, wie es für Rose Ausländer die USA war, im besten Fall das neue Mutterland.

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