Gedichtanalyse: Franz Werfel: Menschenblick

Das Gedicht „Menschenblick“ veröffentlichte Franz Werfel 1927. Der Autor wurde 1890 in Prag geboren und starb 1945 in Beverly Hills. Franz Werfel zählt zu den Hauptvertretern des Expressionismus und hat neben vielen lyrischen Texten auch Prosa verfasst. In allen seinen Texten spiegeln sich die Grundzüge des Expressionismus. Das Gedicht „Menschenblick“  zählt zu den großstadtlyrischen Texten von Franz Werfel. Hauptthema seiner Werke stellen der Verfall und die Hoffnung auf einen Neuanfang dar. Speziell dieses Gedicht hat die Menschen, die von der Arbeit nach Hause gehen zum Thema. Monoton werden sie abends heim getrieben und durch ein überraschendes Ereignis aus ihrer Lethargie gerissen.

Das Gedicht besteht aus zwei Strophen aus jeweils vier Versen. Der Autor gibt dem Gedicht formale Struktur, indem er den Kreuzreim (abab cdcd) benutzt. Auffallend ist nicht nur die Kreuzung der Reime, sondern auch die Kreuzung des Metrums in der ersten als auch in der zweiten Strophe. In der ersten Strophe wechselt er von Anapäst zu Daktylus, in der zweiten Strophe von Jambus zu Daktylus, ganz analog dem Reimschema. Durchgehend werden weibliche Kadenzen verwendet, die die Versenden stumpf wirken lassen.

Der Autor bedient sich Wörtern aus dem Alltagswortschatz, die den Text leicht verständlich wirken lassen. Ausnahmen bilden die Neologismen „Abendheimkehr“ (V.1) sowie „Massengeschickes“ (V.5). Durch die Wortneuschöpfungen (Neologismen) verwendet der Autor ein Mittel, mit dessen Hilfe er die besondere Atmosphäre des Gedichtes genauer schildern kann.

In Vers 2,3 und 6 tritt das lyrische Ich in Erscheinung. Es bildet ein subjektives Erzählmoment, welches durch den Gebrauch der ersten Person Plural „wir“ und der Nutzung des Reflexivpronomen „uns“ besondere Verstärkung in Form der Mehrzahl erfährt. Das lyrische Ich scheint nicht allein zu sein, es ist vielmehr Teil einer Gruppe, zu der es sich zugehörig fühlt. Die Distanz zwischen Leser und lyrischem Ich schwindet durch das „Wir“. In der Wirkung scheint der Leser mit dem lyrischen Ich und den Menschen, die sich treiben lassen, verbunden zu sein.

Innerhalb des Textes ist eine besondere Dynamik festzustellen.
In der ersten Strophe wird das Treiben der Menschenmasse in der Gasse beschrieben. Durch das Treiben wird die Passivität der einzelnen Menschen, also den „Leibern“ (V.4) in der Masse, dem „Leib“ (V.4) verbildlicht.
Der Dynamik der ersten Strophe gegenüber steht die Verhaltensänderung der Menschen in der zweiten Strophe. Die Fortbewegung, also das treiben, wird in der zweiten Strophe „Jäh“ (V.6), also plötzlich durch ein äußeres Geschehen gestoppt. Es erscheint ein „Antlitz“. In verschiedener Hinsicht ist die Bedeutung des Wortes „Antlitz“ V.6 zu deuten. Allgemein wird der Begriff Antlitz in Bezug auf das Gesicht Gottes verwendet. Offensichtlich besteht ein Zusammenhang zwischen „Antlitz“, „Wolkenriß“ (V.7) und „träumenden Blickes“ (V.7). Durch die Zusammenführung der Begriffe, die zu einem Wortfeld gehören, lässt sich die These einer Gotteserscheinung untermauern. Fast apokalyptisch wirkt diese Szene, die die Melancholie durchbricht.

Das „Starren“ der „Ewigkeit“ ist zugleich Metapher und Personifikation. Normalerweise wird die Ewigkeit als eine unendliche Zeitspanne verstanden. Der Autor jedoch bedient sich dieses Begriffes, um die endlose Masse der Menschen zu beschreiben. Indem er Mensch und Zeit in Beziehung setzt, und damit eigentlich die Masse der Menschen beschreibt, verlieren die Menschen in der Menge ihren letzten Rest Individualität. Sie gehen also vollends in dem unendlichen „Leib“ auf. Sie werden endpersonalisiert.

Dem Starren kommt atmosphärisch besondere Bedeutung zu. Es impliziert, dass etwas unbegreifliches, unverständliches passiert, auf das die Menschen mit unbeweglichem Blick reagieren. Emotionslosigkeit und der Verlust der Individualität stehen dem Erwachen des Einzelnen gegenüber

Geschwindigkeit und Dynamik spielen im vorliegenden Gedicht eine große Rolle. Während in der ersten Strophe die Menschen dahintreiben, verfestigt sich beim Leser der Eindruck gleichmäßiger Bewegung in völliger Harmonie und Zeitlosigkeit. In der zweiten Strophe hingegen, hat der Leser den Eindruck, als bleibe die Zeit beim Erscheinung des Gottes stehen. Die Menschenmasse wird abrupt ausgebremst und verharrt bewegungslos während sie auf die Erscheinung sieht. Die Erscheinung wirkt wie ein Lichtblick, der das Leben der Menschen erhellt und den grauen Alltag für einen Augenblick vergessen lässt.

Die Menschen scheinen aus ihren Träumen, aus dem Gleichtakt gerissen. Sie sehen etwas Bedeutsameres als „Sonne“ und „Meer“. Die positiv besetzten Begriffe Sonne, Meer und Ewigkeit bewirken eine positive Grundstimmung in der Schlussphase des Gedichtes . Ein Neuanfang scheint möglich.

(zur Verfügung gestellt von einer Schülerin Klasse 11)

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